Mit Lebenslust ins Wirtschaftsspiel

Europa und China matchen um den brasilianischen Ball

 

Sempre dá um jeito – Es gibt immer eine Lösung. Aus diesem Satz spricht die Schwejksche Lebensphilosophie der Improvisation. Jeito, das ist der Kniff und die Kunst, Unmögliches möglich zu machen. Mit dem jeito wird der Polizist umgarnt, mit dem jeito spielen die brasilianischen Fußballkünstler und mit dem jeito zieht sich Brasilien täglich selber aus der Schlinge. Ein Schlüsselwort, ohne dem gar nichts funktioniert. Es gibt immer einen Ausweg – man muss nur auf Gott vertrauen. Doch reicht in Zeiten wie diesen der Glaube alleine aus?

 

In Brasilien wurde die „Theologie der Befreiung“, also die Zuwendung der Kirche zu den Armen mitbegründet. Das fünftgrößte Land stellt auch die größte christlich-katholische Region der Erde. Die brasilianischen Kleriker sind selbstbewusst, womit sich allerdings der Vatikan nur schwer abfinden kann. Wohl auch mit der Aussage Deus é brasileiro – Gott ist Brasilianer. Aber jetzt, wo der Papst ein Deutscher ist – kann da überhaupt noch etwas schief laufen?

 

Die wachsende Verbindung der Wirtschaftsräume sowie das technologische Ungleichgewicht schaffen allgemein eine Situation, die explosiv werden könnte. Ob es sich nun um Automobile, den Bereich Telekommunikation, oder um Rohstoffe (Erdöl – Kuwait, Irak und Iran sowie Erdgas – Russland) handelt. Für die meisten Produkte besteht ein Weltmarkt. Die sensiblen Finanzmärkte haben bereits mehrfach spürbar eine weltumspannende Dimension erreicht. Selbst die Kunst kann sich einer internationalen Einflussnahme nicht entziehen (Klimt-Bilder, Mohammed-Karikaturen).

 

Globalisierungsgegner machen weltweit mobil und schrecken auch schon lange nicht mehr vor Gewaltbereitschaft zurück, um sich so Gehör und auch Luft zu verschaffen. Die Europäische Union muss sich als Aufgabe auf ihre Fahne heften, die an Bedeutung verlierende amerikanische Wirtschaft als Veranlassung zur Schaffung eines Ausgleichs wahrzunehmen. Lateinamerikas Flirt mit Europa geht Hand in Hand mit einer angestrebten wirtschaftlichen und politischen Unabhängigkeit von den USA (Verstaatlichung der Ölfelder – Venezuela, Bolivien, Ecuador). Aber Bündnisse führen auf einer Seite mitunter zu Kriegen, bringen Frieden oder schaffen letztlich doch immer nur neue Bündnisse. Diese Aspekte spiegeln sich auch in der über 500 jährigen „europäischen“ Geschichte Brasiliens wider.

 

In Europa schrieben wir das Jahr 1500, als der portugiesische Seefahrer Cabral bei einer versuchten Afrika-Umsegelung nach Indien, Richtung Westen abdriftet und an einem vorerst unbedeutenden Küstenstreifen landet. Ein wertloses, mit nichts als aus üppigen Wäldern bestehendes Stück Kontinent, wie anfangs geglaubt wurde. Mit dem Rotholz eines unscheinbaren Baums, pau brasil genannt, waren wenigsten Textilien zu färben. Hinterher trug das ganze Land seinen Namen: Brasilien. Später gedieh das angepflanzte Zuckerrohr prächtig, und für süßes Naschwerk waren die Preise gut. Der Goldrausch setzte erst 1700 ein.

 

Während sich Portugal außenpolitisch mit Frankreich und den Niederlanden zu arrangieren hatte, stand in Brasilien zwischen 1750-1777 eine Politik der Erneuerung auf dem Plan. Erklärtes Ziel war, zugleich die Macht der Großgrundbesitzer einzuschränken, mit der Beamtenkorruption aufzuräumen sowie die Produktion in Landwirtschaft und Bergbau zu erhöhen.

 

Anlässlich des Wiener Kongresses von 1815 erklärte der portugiesische Hofstaat, der zuvor die Flucht vor Napoleon ergriffen hatte, sein neues Refugium zum Königreich. Damit endete Brasiliens Kolonialstatus – es war Portugal gleichgestellt. Dom Pedro (I), er ist mit Maria Leopoldine, einer Urenkelin Maria Theresias verheiratet, verkündete 1822 die Unabhängigkeit und rief sich zum Kaiser von Brasilien aus. Es wird fortan eine Politik der wirtschaftlichen Expansion verfolgt, welche die Interessen der Großgrundbesitzer vertritt. Brasilien verzeichnet einen enormen Bevölkerungszuwachs, der auf europäische Einwanderer zurückzuführen ist (deutsche Handwerker, polnische Siedler, italienische Fabrikanten, spanische Abenteurer und portugiesische Entdecker).

 

Die 1891 verkündete republikanische Verfassung legt den Grundstein für einen laizistischen und föderalistischen Staat. In Wirklichkeit liegt die Macht aber in den Händen der Oligarchien, die über Land und Menschen bestimmen. Als Rohstofflieferant (Zucker, Kaffee, Kautschuk) ist Brasilien von den Preisschwankungen für Agrarerzeugnisse auf den Weltmärkten abhängig. An Glanz und Glorie des Kautschukbooms, als am Amazonas noch Millionenvermögen gemacht wurden, erinnert heute nur noch das prächtige Opernhaus in Manaus. Denn als es den Engländern in Malaysia gelang, den Kautschukbaum in Plantagen anzubauen, brach der Markt in Brasilien zusammen.

 

Ab 1917 nimmt Brasilien auf Seiten der Alliierten am ersten Weltkrieg teil. Die Weltwirtschaftskrise führt in den wirtschaftlichen Ruin, der die Armee stärkt, die den aufstrebenden Mittelstand repräsentiert. Gemeinsam mit Mexiko erklärt Brasilien 1942 Deutschland den Krieg. Zahlreiche europäische Intellektuelle emigrieren während des zweiten Weltkriegs nach Lateinamerika (Argentinien, Brasilien).

 

In der Ära des Diktators Vargas werden die industrielle Entwicklung, der Aufstieg des Mittelstandes und das aufstrebende Proletariat gefördert. Juscelino Kubitschek unternimmt Reformversuche in dem Land, dessen agrarische Strukturen von den Latifundien geprägt ist und in dem große internationale Konzerne, insbesondere aus den Vereinigten Staaten, den Ton angeben. Es kam jedoch einem Akt des Größenwahns gleich, als 1960 die Hauptstadt von der dicht besiedelten Küste in die menschenleere Hochebene verlegt wird: Brasilia, auch heute noch ein Monument der Zukunft aus der Vergangenheit.

 

Während der Militärregierung treiben die Präsidenten die wirtschaftliche Entwicklung voran, unterdrücken aber die Opposition. Erst ab 1979, unter Figueiredo, kommt der Prozess der Liberalisierung und der allmählichen Rückkehr zur Demokratie in Gang. Diese sind angesichts einer galoppierenden Inflation und immer krasser werdender sozialer Ungleichheit notwendig geworden. Die zahlreichen bettelnden Straßenkinder legen davon beredtes Zeugnis ab.

 

Der Weg zur Demokratie führt über versprochene Reformen: in den 80er Jahren eine Sparpolitik (Cruzado-Plan), in den 90ern ein Inflationsprogramm (Plano Real) und seit dem 21. Jahrhundert ein anhaltender Privatisierungsprozess (Lockerung des Staatsmonopols in den Bereichen Energieerzeugung, Ölförderung und Telekommunikation). An der sozialen Ungerechtigkeit ändert sich allerdings wenig. So spricht man inzwischen bereits seit mehr als 100 Jahren über die Landreform. Doch geschehen ist bis jetzt nichts.

 

Brasilien gelang es allerdings in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts sein Image als Dritte-Welt-Land abzustreifen und gilt seither als Schwellenland. Die rasante technologische Entwicklung hatte jedoch eine horrende äußere und innere Verschuldung zum Preis, die eine Hochinflation verursachte. Die Währungsreform von 1994, mit einer krassen Überbewertung des Reals und extrem hohen Zinsen, hat die Inflation bisher überraschend wirksam bremsen können. Zugegeben, die Asien- und vor allem die Russland-Krise, welche die brasilianische Währung zum Hauptziel spekulativer Attacken machte, hatte zur Konsequenz, dass der Real 1999 freigegeben wurde. Denn das Vertrauen in Brasiliens Finanzkraft war erschüttert und es wurde befürchtet, dass die Bundesstaaten ihren Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen könnten. Doch entgegen pessimistischer Voraussagen in punkto Kreditwürdigkeit stabilisierte sich die Wirtschaft – nicht zuletzt wegen São Paulos starkem Wirtschaftsmotor.

 

Auch heute gilt São Paulo als die Lok, welche die übrigen 27 Waggons (insgesamt 24 Bundesstaaten, drei Territorien und die Bundeshauptstadt) mitzieht. Mehr als die Hälfte der gesamten Industrieproduktion konzentriert sich in und um diese Megalopolis. Bei satten 5,2 Prozent lag Brasiliens Wirtschaftswachstum im Jahr 2004. Diese erfreuliche Tendenz wird allerdings von gegenwärtig anstehenden Problemen getrübt: Agrarreform, Steuergerechtigkeit, Ordnung der Staatsfinanzen, Umweltschäden und Abholzung der Tropenwälder.

 

Einer, der sich diesen Herausforderungen stellt, ist Luiz Inácio Lula da Silva. Ein Marketing-Autodidakt, dem es nicht nur gelingt sich im eigenen Land zu präsentieren, sondern der es auch versteht, ein weltweit anspruchsvolles Netzwerk mit starken Handelspartnern (Südafrika, Indien) aufzubauen. Auch wenn der Nimbus des Präsidenten durch parteiinterne Machenschaften angekratzt ist und von mancher Seite gestichelt wird, dass der aus einfachen Verhältnissen kommende Idealist keinen Hochschulabschluss hat: Wohin Intellekt, gepaart mit schlechtem Gedankengut führen kann, liest sich aus Brasiliens Geschichte. Der Erwerb von Wissen war ohnehin, im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung, nur einigen wenigen Auserwählten vorbehalten und wurde von diesen elitären Kreisen auch wie der heilige Kral gehütet. Es verwundert somit auch nicht, dass erst im Jahr 1922, in São Paulo, eine Universität gegründet wurde. Denn Wissen war und ist Macht. Und Ungebildete – die Sklaverei wurde in Brasilien übrigens 1889 abgeschafft – sind formbar wie Butter unter Tropensonne. Aber lässt sich dieses Schauspiel nicht auch heute wieder vermehrt auf internationaler Bühne beobachten?

 

Andererseits, wie kann der Hausverstand eines Schwellenlandes dann aber die Intelligenz von Industrienationen indirekt brüskieren? Dies zeigt sich allein anhand der Frage, wieso es Brasilien nicht gelingt, das anhaltende Abholzen des Regenwaldes zu stoppen: Wer sind denn einmal mehr die Käufer vielgeschätzter Tropenhölzer? Im Allgemeinen werden die Wälder Amazoniens auch als die größte genetische Datenbank der Erde bezeichnet. Sind nicht auch die Pharmariesen Nutznießer aus Patenten der größten Ansammlung dieser unschätzbar wertvollen Heil- und Giftpflanzen?

 

Drogen nehmen sowieso auch in Brasilien immer mehr an Einfluss zu und das gesamte Land gewinnt als Umschlagplatz für Heroin und Kokain immer größere Bedeutung. In manchen Kreisen gilt es auch als chic, sie zu gebrauchen. Aber wo finden wir solche Auswüchse nicht? Allerdings lässt sich anhand von Drogen der Unterschied zwischen Arm und Reich erkennen: Die Armen verkaufen Drogen, um sich Nikes zu kaufen. Die Reichen verkaufen Nikes, um sich Drogen zu kaufen…

 

Das Geheimnis der brasilianischen Seele ist aber die Fähigkeit, die triste Vergangenheit und die düstere Zukunft zu vergessen sowie der Gegenwart das Beste abzugewinnen. Doch Brasilien hat weit mehr zu bieten. Afrika, Amerika, Europa – das sind die Wurzeln, aus denen der Brasil-Baum heute sprießt. Und er trägt viele Blüten. Im tropischen Klima Brasiliens sprießen zugleich an ein und demselben Baum geheimnisvolle Knospen, leuchten farbenfrohe Blüten und fallen in sich einrollende Blätter ab. Die brasilianische Kultur ist ein Konglomerat aus Farben, Rhythmen, Gerüchen und Düften, welche die Küche, die Musik, den Tanz und die Lebensfreude ausmachen. Und darüber hinaus gibt es noch einige Exportschlager wie Zucker, Kaffee, Zitrusfrüchte, Tabak und Bodenschätze (Gold, Diamanten, Zinn und Mangan). Über so einen Bündnispartner könnte Europa wahrlich in die vor Vorfreude feuchten Hände klatschen. Denken wir nur an die reichen Eisenerz- und Bauxitvorkommen für die Stahl- und Aluminiumproduktion. Von den reichen Erdöl- und Erdgasvorkommen mal ganz abgesehen.

 

Nicht nur die Wirtschaft und der Umgang mit den eigenen Ressourcen, auch die Medienlandschaft genießt in der brasilianischen Bevölkerung reges Interesse. Das Fernsehen, gefolgt vom Radio, gilt als einflussreichstes Medium, da es sogar für Analphabeten, deren Anteil immerhin zwischen 14-19 Prozent liegt, verständlich ist. Über 91 Prozent der Haushalte hatten 2003 einen Fernseher. Es mag so weniger erstaunlich sein, wenn selbst auf den ärmlichsten Baracken der Favelas, also den Siedlungen mit Schlichbauten, Satellitenanlagen zu finden sind, welche die Stars der populären Telenovelas nach Hause bringen. Und obwohl Brasilien erst seit kurzem eine Demokratie ist: Gerade die Zeitungen sind erstaunlich unabhängig. Besonders im Vergleich mit Europa. In manchen Städten, wie in Salvador da Bahia durch Antônio Carlos ACM Magalhães, gibt es zwar einen ähnlich starken Beeinflusser (TV, Rundfunk, Print) wie im ehemaligen „Berlusconi-Italien“ – auch in Österreich läuft sogar (wieder) eine Initiative gegen die staatliche Einflussnahme im österreichischen Fernsehen. Dennoch, bei der Vielzahl lokaler und regionaler brasilianischer Blätter ist eine Indoktrination kaum vorhanden.

 

Jedoch wird den Brasilianern nachgesagt, käuflich und bestechlich zu sein. Über Europäer mehren sich nicht nur Gerüchte darüber. Der Vorwurf der Korruption ist eine Verantwortung, der sich auch Europa immer mehr stellen muss. Österreich hat jedenfalls weit mehr zu geben, als nur europäische Bündnispolitik. Doch haben wir aus unserer Vergangenheit gelernt, um in der Gegenwart zu leben und für die Zukunft vorsorgen zu können? Es müsste verstärkt in Projekte, wie die in Brasilien bereits eingeführte alternative Treibstoffverwendung investiert werden. Brasiliens Autos sind nämlich ähnlich flexibel wie die Bevölkerung: Sie lassen sich wahlweise auch mit Alkohol, der hauptsächlich aus Zuckerrohr gewonnen wird, befüllen. Die norwegische Stratoil bietet bereits verstärkt Tankalternativen an. Und selbst Deutschland plant multioptional zu betankende Fahrzeuge.

 

Wie können also unsere Investitionen in ein Netzwerk der Zukunft aussehen? Die Bombe auf Zeit, die in Österreich hörbar tickt, nämlich Überalterung sowie steigende Jugendarbeitslosigkeit, ließe sich durch zielgerichtete Ausbildung umschiffen. Einerseits durch den Aufbau eines österreichischen Fachkräftepools (Facharbeiter, Deutschlehrer), der andererseits selbst wieder für die Ausbildung von Spezialisten in Lateinamerika eingesetzt wird. Diese in ihrer Heimat ausgebildeten lateinamerikanischen Fachkräfte könnten dann in Europa gezielt in jenen Wirtschaftssektoren eingesetzt werden, aus denen der größte Importanteil nach Lateinamerika resultiert: Maschinen und Fahrzeuge. In Österreich würde so der Altersaufbau der Bevölkerungsstruktur in der Generationenpyramide aufgefrischt werden. Denn von 186 Millionen Brasilianern liegt der Anteil der unter 15jährigen bei über 28 Prozent. Zudem würde der Finanzstrom der lateinamerikanischen Emigranten das Einkommen der Familien in der alten Heimat anheben und somit die Armut in den Auswandererländern senken. Damit wäre auch das Argument der Entwicklungsökonomen zur internationalen Arbeitsmigration nicht mehr gültig: Nämlich, dass Fachpersonal genau dort fehlt, wo es am meisten benötigt wird (Medizin).

 

Die voneinander mehr und mehr abhängig gewordenen Märkte und die wachsende weltwirtschaftliche Dynamik erfordern eben nicht nur eine Regulierung, sondern auch eine neue wirtschaftspolitische Konzeptionen sowie Organisation auf supranationaler Ebene. Die europäische Einheit – belebt durch lateinamerikanische Vielfalt? Die brasilianische Improvisationskunst könnte gar in manch angestaubtem Brüsseler Büro für frischen Wind sorgen. Europa würde so nicht nur während der Fußballweltmeisterschaft am Ball bleiben, um von China nicht ausgespielt zu werden. Damit der Wirtschaftsboom zu keiner Glaubensfrage wird: Saúde! auf Brasilien, Europa und eine gemeinsame, profitable Zukunft.

 

Autorin: M. Alexandra Rahbar-Schümatschek

erschienen am 18. Mai 2006 online in check.points Nr. 5 unter check.gastbeitrag, Handelsblatt/GWP

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